Reiter mit Herz – und Verstand

Andy Candin hat noch viele Erinnerungen an sein Mutterland Rumänien. Auch jene, in denen er als Kind gemeinsam mit seinen Eltern Waisenhäuser besucht hat.

logo-2-reiter-mit-herz Und daran, dass er es damals erst gar nicht verstanden hat, dass er auch noch seine letzte Brezel abgeben musste, damit die armen Kerlchen etwas zu essen bekamen. Es war die kommunistische Zeit des Ostblocklandes; es hing ein schwerer Schleier über Rumänien. Später wurde es Ihm natürlich klar, dass die Kinder in den Heimen Not leiden mussten; dass es Ihnen viel schlechter ging als ihm - der wohlbehütet im Hause seiner Eltern aufwuchs. Der Vater war Radio- und Fernsehtechniker; der Familie ging es verhältnismäßig gut. Die Candins konnten sich um ihre Kinder kümmern und darum, dass sie im abgeschotteten Regime weltoffen werden konnten. Andy Candin ist mit 17 Jahren und fast zwei Jahre nach seinen Eltern nach Deutschland gekommen. Er hat Asyl beantragt. Die Eltern konnten in ihrem Land nicht mehr Leben - sie wollten frei sein. Heute gehört der 42 jährige Springreiter, der vor zwei Jahren in der Stuttgarter Schleyer-Halle Landeschampion wurde, schon geraumer Zeit zur Landesspitze der Springreiter in Baden Württemberg. Und dort sorgt er in dieser Saison für besonderes Aufsehen. Erstens, weil er als Seriensieger auf den Turnieren des Landes unterwegs ist: es ist seine beste Saison bislang - und auch diesmal gehört er im BW-Bank-Cup wieder zu den Finalisten. Und zweitens, weil er die Aktion "Reiter mit Herz" ins Leben gerufen hat; Andy Candin reist als Lehrgangsleiter durchs Land; und überall dort, wo Reiter von ihm etwas lernen können, spenden sie die Hälfte der Gebühr (auf die der Lehrgangsleiter entsprechend verzichtet) an eine wohltätige Einrichtung der Region. Man spürt, der 42-jährige (Immernoch-)Rumäne will in seinem Leben etwas zurückgeben, von dem, was er bekommen hat: Freiheit, Gesundheit, Familie, Erfolg.

Beinahe bei der WM

stute_wien_siegerehrung1Dass die Candins den Andy in Rumänien reiten ließen, hat ihm geholfen, vor 25 Jahren in Deutschland Fuß zu fassen, als sie in Niederstotzingen bei Heidenheim auf der Ostalb ankamen. "Zwei Wochen später hatte ich auf einem Reiterhof meinen ersten Job" erinnert er sich heute. So ging es weiter; eine Zeit lang machte er das Turnierreiten sogar zum Beruf, ritt am Stall von Ludger Beerbaum in Riesenbeck und qualifizierte sich - was hierzulande nicht viele wissen - für einen Start bei den Weltmeisterschaften 2006 in Aachen. Sein bestes Pferd seinerzeit war die Stute Remember Z (rechts im Bild), eine Enkeltochter der berühmten Beerbaum-Stute Ratina Z. Damals verpasste es die rumänische FN, rechtzeitig eine Nennung abzugeben für ihren schwäbischen Legionär. Kein Wunder, über 50 Jahre lang gab es keinen Rumänen bei Weltreiterspielen. In den folgenden Jahren hätte Andy Candin auch bei den Europameisterschaften starten können. Qualifiziert war er dreimal, aber im richtigen Moment waren die Pferde nie topfit. Jetzt peilt der "Reiter mit Herz" (und Verstand) wieder einmal ein Championat an; und mit der Schimmelstute Lara Croft hat er ein Pferd unterm Sattel, dem er die Anforderungen einer Europameisterschaft zutraut. Er will bei der EM in Aachen im August 2015 starten. Im vergangenen Jahr hat Andy Candin den Reiterverein gewechselt und unterstützt damit den Pforzheimer Reiterverein und dessen rührigen Präsidenten Christian Kraus, der einer seiner guten Freunde ist. Aber in Niederstotzingen bleibt er zuhause. Dort stehen seine Pferde, dort lebt seine Familie, seine Eltern übrigens auch. Mittlerweile ist er als Internet-Marketing-Unternehmer auch kein Profi mehr, auch wenn er so reitet. Sein Projekt "Reiter mit Herz" will er weiter vorantreiben und hat weitere große Pläne, wie zum Beispiel ein international wahrgenommenes Charity-Turnier auf deutschem Boden. Übrigens kann sich jeder Verein und jeder Reitbetrieb für einen dieser Charity-Lehrgänge bewerben, online auf der Internetseite www.reitermitherz.de Artikel von rok (Reiterjournal, Ausgabe 11/2014)  

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